Augenzeugenbericht
Montag, 11. Februar 2008. Um 10 Uhr morgens kam ich gerade aus der Montagsversammlung, als mich eine Frau ansprach und mich nach der Unterschriftenlisten fuer die Invasion – allgemein bekannter Name der Landbesetzung, seit Novemer 2007 auch „Barrio Madre Herlinda Moises“ genannt – fragte, die an das Buergermeisteramt geschickt wurde. Von ihr erhielt ich die Information, dass Polizisten und Soldaten mit schweren Abrissmaschinen (z.B. Bulldozer, Wasserwerfer) dabei sind das Barrio zu raeumen.
Der Hintergrund ist, dass sich seit gut einem Jahr am Ortsrand von Pasacaballos (ein Ortsteil von Cartagena de Indias) ca. 1000 Menschen angesiedelt haben. Dabei handelte es sich um freies und ungenutztes Land. Die Landbesetzer sind vorwiegend Fluechtlinge aus dem Landesinneren, die von den umkaempften Gebieten des Buergerkrieges geflohen sind, bzw. vom Paramilitaer und/oder Guerilla vertrieben wurden. Auf diesem freien Land versuchten sie sich eine neue Existenz aufzubauen. Jedoch hatte sich ein Teil der Menschen auf einem Gebiet niedergelassen, was ANGEBLICH einem Grossgrundbesitzer von Pasacaballos gehoert. Mit einem gerichtlichen Prozess gewann er das Recht fuer die gewaltsame Vertreibung der Menschen des Barrios „Madre Herlinda Moises“. Schon am Mittwoch den 06. Februar wurde der erste Polizeitrupp von 250 Mann auf das Barrio losgelassen. Jedoch leisteten die Einwohner erbitterten Wiederstand, so dass diese Aktion abegeblasen werden musste.
Gestern, Sonntag den 10. Februar erfuhr ich, dass fuer Montagmorgen eine weitere Vertreibung geplant war. So versuchte ich mit allen Mitteln die mir zur Verfuegung standen und der Unterstuetzung meines Projektleiters, Amnasty Inernational zu mobilisieren, um eine Aktion zu starten, die helfen sollte die gewaltsame und menschenentwuerdigende Vertreibung zu stoppen, was aber schliesslich aufgrund von Zeitmangel nicht moeglich war. Amnesty International weiss um die Begebenheiten in dem Barrio bescheid. Ich wuensche mir die weitere Kooperation von Amnesty International und hoffe, dass sich diese angesehene Organisation eventuell mit unseren Bemuehungen fuer das Barrio aktiv einsetzen wird.
Kurz vor 10.30 Uhr war ich noch in der Officina (Buero) als das Telefon klingelte und die Kindergaertnerin, der Schule Madre Herlinda Moises -namens Samira die ebenfalls fuer die Fundacion arbeitet- ganz aufgebracht anrufte. Sie sagte zum Koordinator der Fundacion, dass man schnell zwei Autos schicken solle, um die Kinder aus dem Barrio Madre Herlinda Moises zu holen und in das Gebaeude der Fundacion zu bringen, da sich gerade heftige Kaempfe zwischen Polizisten und den Einwohnern entwickeln. Ich meldete mich freiwillig als Fahrer, mit der Unterstuetzung eines Kolumbianers. Wir fuhren mit zwei Autos in das Barrio, um die Kinder abzuholen. Als wir in die Strasse einbogen, die in das Barrio fuehrt, kamen uns schon viele Menschen entgegen. Viele hatten Staubmasken oder nasse Stofffetzen vor den Muendern, um sich vor dem Traenengas zu schuetzen. Wir konnten aber nicht sofort ins Barrio hineinfahren, da uns ein Polizeitrupp mit Wasserwerfer den Weg versperrte. Erbin, Mitarbeiter der Fundacion, der hinter mir fuhr sagte mir, dass ich umdrehen solle. Als ich das Auto gewendet hatte, sah ich auf einmal die Menschen davonrennen. Ploetzlich bemerkte ich, dass die Polizei eine Traenengasgranate neben das Auto geschossen hatte und somit das Gas ausstroehmte. In Panik stieg ich aufs Gaspedal, kam aber nicht vom Fleck, da ich mit dem linken Rad in einer Mulde feststeckte. Erbin der durch die Wendung nun vor mir fuhr, bemerkete mein Problem und deutete mir aus seinem Fenster zu, dass ich ein Stueck zurueck fahren sollte, um der Mulde auszuweichen. Ich legte den Rueckwertsgang ein und beim Zurueckfahren sah ich, dass der Wasserwerfer auf mich zu fuhr. So schnell ich konnte, wich ich der Mulde aus und schaute dass ich mich aus dem Staub machte, Erbin war schon weg. Keine zehn Meter weiter war eine „Kreuzung“, in die ich links einbog. Als ich nach links einschlug landeten wieder 2 Granaten neben dem Auto. Da wir die Fenster offen hatten, kam das Gas auch zu uns herein und ich bekam Probleme mit dem Sehen, schaffte es aber dann doch noch weit genug weg zu kommen. Wir fuhren dann ueber einen Schleichweg in das Barrio hinein und konnten ohne groessere Probleme bis zur Schule vordringen. Dort warteten wir auf Erbin, der bald darauf erschien. Als wir dann die Kinder aufladen wollten, weigerten sich die Eltern uns ihre Kinder mitzugeben, da sie Angst davor hatten, dass wenn sie die Kinder gehen lassen wuerden, wuerde die Polizei noch weniger Ruecksicht nehmen und gewaltsam ueber das Barrio maschieren. Die Kinder waren in den Augen der Eltern, die letzte Hoffnung, dass die Polizisten Erbarmung zeigen wuerden. Wir beschlossen, so lange zu warten bis alle Kinder abgeholt wurden. Erbin und ich gingen in der Wartezeit los, um uns das obere Gebiet des Viertels anzusehen. Als wir ca. auf der Hoehe von dem Feld waren, das fuer gemeinnuetzige Einrichtungen gesaeubert wurde, sahen wir dort einige Polizisten herumlungern. Diese sahen entspannt zu, wie ein Bulldozer eine Behausung nach der anderen dem Erdboden gleich machte. Aus den Haeusern die noch standen, raeumten die Menschen verzweifelt und hilflos ihre wenigen Gueter. Ein Mann schrie, dass zwei Kinder in einem Haus erstickten, das von einer Gasgranate getroffen wurde. Spaeter stellte sich heraus, dass diese 2 Kinder bei dieser Attake zum Glueck „nur“ verletzt wurden.
Um 12 Uhr Mittag, kehrten wir zurueck zur Schule „Madre Herlinda Moises“. Dort erfuhren wir, dass anscheinend zwei weitere Kinder gestorben waren. Waerenddessen wurden die meisten Kinder schon von der Schule abgeholt. Schlussendlich blieben nur noch zwei Kinder uebrig, die wir dann mit in die Fundacion nahmen. Um 13.30 Uhr fuhren wir zurueck, nahmen aber einen Seitenweg. Wir trafen dort auf verzweifelte Menschen, teils im Schock, andere die verletzt und komplett verwirrt waren. Sie baten uns die Verlezten in die Krankenstation zu bringen. Ein Mann kam total verwirrt zu uns und drueckte uns seinen Saeugling in die Hand. Kinder und aeltere Personen wurden in die Autos gepresst, soviele wie nur moeglich war – sie mussten in Sicherheit gebracht werden. Mit Hoellentempo eilten wir nach Pasacaballos, einfach nur fort von den extremen Unruhen und Gewalttaten im Barrio. Die Krawalle waren aber schon bis nach Pasacaballos vorgedrungen. Am Abend erfuhr ich aus der Lokalen Zeitung „el Universal“, dass 13 Polizisten zum Teil schwer verletzt wurden und es acht Verhaftungen gegeben hat. Die Anzahl der verletzten Zivilisten wurde jedoch nicht erwaehnt. Ebenfalls habe ich noch nicht in Erfahrung bringen koennen, was mit den anderen Kinder passiert ist, die nach ersten Angaben umgekommen sind.
Ich bin total bestuerzt darueber, wie die Regierung sich ueber die arme Bevoelkerung hinwegsetzten kann und rein die wirtschaftlichen Ziele verfolgt, ohne auf das Leben dieser Menschen Ruecksicht zu nehmen. Diese Menschen haben nichts und das Etwas, was sie sich im letzten Jahr aufbauen konnten, wurde mit Hilfe der Staatsgewalt zerstoert. Ich frage mich nun, wie man soetwas Unmenschliches und Menschenverachtendes machen kann.
Der Zweck dieses Berichtes, den ich verfolge ist, dass man auf internationaler Ebene Druck auf die politisch Verantwortlichen dieser menschenverachtenden Aktion macht. Im Speziellen meine ich damit, dass man mit der Buergermeisterin von Cartagena und dem Gouvaneur von Bolívar in Kontakt treten soll, die diese gewaltsame Vertreibung verhindern haetten koennen bzw einen angemessenen Sozialplan/Umsiedelungsplan fuer diese Menschen erstellen haetten sollen.
Ephraim Duffner arbeitet seit dem 1. September 2007 als zweiter oesterreichischer Auslandsdiener in der Fundacion Social Cristiana in Pasacaballos, Kolumbien.
Sehr guter Augenzeugenbericht